Asymmetrische
Begrüßung

Quelle: Novaja
Gaseta ( Neue Zeitung ), Ausgabe Nr. 89 vom
01.01.2008
Uns steht bevor,
Obama zu beweisen, dass Russland nicht die
UdSSR ist. Aber wie?
Die Staatsoberhäupter der
mächtigsten Länder sammelten sich um den US-Präsidenten
Bush, um sich für das finale Foto aufnehmen zu lassen, mit
dem das historische Gipfeltreffen der „Zwanzig“ endete. Es
war vor kurzem kaum vorstellbar, dass sie gemeinsam für das
Familienalbum posieren werden.
Abgesehen von dem internationalen „
politischen Büro“ – der G8 – sind auf dem Foto festgehalten:
die Staatsführer der neuen ökonomischen „Tiger“ aus der
gestrigen Dritten Welt, der saudischen König – der Oberhüter
des muslimischen Heiligtums ( wichtiger jedoch der Oberhüter
der bedeutendsten Ölvorräte auf der Erde) und die Leiter der
internationalen Organisationen, die mit Hilfe des Bretton-Woods-System
entstanden sind und deren radikale Umgestaltung die
Weltgemeinschaft einstimmig fordert. Sowohl zur Aufnahme als
auch zum Treffen brachte die Krise die Teilnehmer wie
Raubtiere und ihre Beute bei einem Waldbrand zusammen. Das
Treffen erhielt bereits den Ehrentitel – das erste Globale.
An einer herausragenden Stelle, in
der Nähe von George W.Bush zeigte der russische Präsident
ein strahlendes Lächeln. Noch vor einigen Tagen hatte in
einer Rede vor dem russischen Parlament die USA
angeprangert, dass gerade die USA die Welt wirtschaftlich
behext hätten. Er drohte, die zukünftigen amerikanischen
Stützpunkte in Polen und Tschechien mit Hilfe unserer
fürchterlichen elektronischen Mittel zu „neutralisieren“,
notfalls mit den Raketen „Iskander“.
Der russische
Präsident Medvedev, der von Mächtigen
unterschiedlichen Einflusses umgeben war,
hatte allen Grund zu strahlen. Der weltweite
wirtschaftliche Tsunami spülte im Nu die
jüngsten Drohungen des Westens weg, gegen
Russland Sanktionen zu ergreifen, eine
demokratische Koalition zu schaffen und
Russland einfach aus der G8 auszuschließen.
Die Europäer waren
die ersten, die Russland seine kaukasische
Sünde vergaben. Auf dem Gipfeltreffen in
Nizza fielen sie einander ins Wort, dass
Russland und Europa schon wegen der
Verbindung durch Gas und Ölffernleitungen
zur Zusammenarbeit verurteilt sind.
Nachdem der noch bis zum Jahresende
amtierende Vorsitzende des Europäischen
Rates Nikolas Sarkozy die Nachricht über den
Abzug der russischen Truppen aus einem
weiteren georgischen Dorf erhalten hatte,
erklärte er seinen Kollegen, Medvedev sei „ein
Mensch, mit dem man zusammenarbeiten kann
und soll“. Dies klang so wie die Worte von
Margret Thatscher gegenüber Michael
Gorbatschow: „We can do bussines together“.
Das Wort „Zusammenarbeit“ bedeutete bei
Sarkozy nämlich genau Business.
Ob es bedeutet, dass
alle Ausrufe der westlichen Spitzenpolitiker
hinsichtlich der „unangemessenen“ Reaktion
Russlands auf die Provokation Saakaschwiles
und die Appellation an das internationale
Recht eine vorgefertigte Rhetorik waren?
Könnte man meinen, dass nach den
kaukasischen Gefechten von einer
internationalen Isolation Russlands keine
Rede ist, dass keine ernste Krise in den
Beziehungen zu Russland abzusehen ist und
nur die nervenschwache Presse sich
hartnäckig die Vorahnung von einem neuen
kalten Krieg wiederholt?
Der Kreml hatte noch
vor dem Beginn der Krise keine Zweifel daran,
dass die Sache gerade so ausgehen wird.
Tatsächlich veränderte sich die
Argumentation unserer „Realitäts-Politiker“
seit 1956 nicht: „ Es wird erst geschrieen,
dann beruhigt man sich. Die sind selber
nicht besser. Die kommen ohne uns nicht aus“
etc. Was sich der Argumentation anfügte ist
der Glaube daran, dass die Weltwirtschaft
ohne russisches Öl zusammenbreche und die
Hälfte Europas sogar unter der
Berücksichtigung der globalen Klimaerwärmung
erfriere. Obwohl diese Argumente keine
Antwort darauf enthalten, was wir selber mit
unserem Öl und Gas tun sollen, entbehren sie
nicht einer Grundlage.
Unmittelbar nach dem
Ausbruch des Konfliktes im August äußerte
sich unser Premierminister in seiner Rede in
Vladikaukas folgendermaßen: „ Wir kennen die
Welt, in der wir leben“. Nach einigen Tagen
ergänzte der russische Präsident Medvedev
diesen Gedanken führte ihn weiter. Nach
seinen Worten seien die Ereignisse vom 8.
August in Zchinvali ihrem Ausmaß nach mit
denen vom 11. September 2001 in New York
vergleichbar und die Geschichte teile sich
nun für ihn wie für die Amerikaner nach dem
Angriff der Al-Kaida gegen die USA in das „Vorher“
und „Nachher“
Da weder der
Premierminister noch der Präsident den
Rahmen dieser lakonischen Formulierungen
sprengten, versuchen wir, die Welt selbst so
zu beschreiben, wie sie von der Höhe des
zweiköpfigen russischen Throns aus aussieht.
Es ist die harte Welt der „realistischen
Hofpolitik“ und geschäftsfreudigen coolen
Politiker. Die Welt, in der „die Schwachen
geschlagen werden“, nur die Stärke gilt und
nicht das Recht, in der die UNO – nicht der
Ort für die Lösung der Weltkrisen ist und
die internationalen Abkommen nur solange von
Staaten und Staatsoberhäuptern eingehalten
werden, wie diese nicht den Interessen den
letzten widersprechen.
In einer Welt, die
nach diesen Regeln lebt und regiert wird und
in der die Politik ein „Spiel mit
Nullergebnis“ darstellt, müsste auf einen
Angriff mit einem Gegenangriff geantwortet
werden: auf die Anerkennung des Kosovo mit
der Anerkennung Abchasiens und Südossetiens,
auf die Pläne Georgiens, der NATO
beizutreten mit der Stationierung russischer
Truppen in Abchasien und Südossetien. Als
Reaktion auf das Auftauchen amerikanischer
Kriegsschiffe im Schwarzen Meer werden
strategische Bombenflugzeuge und nachfolgend
Kanonenbote an die Küste von Venezuela und
Nicaragua gesendet. Als Antwort auf die
Stationierung des amerikanischen
Radarsystems in Polen und Tschechien werden
russische Raketen auf Osteuropa gerichtet.
Mangelhaft ist diese
Logik nicht, weil sie unbegründet, sondern,
weil sie gefährlich ist. Denn sie drängt die
Weltpolitik sogartig abwärts auf einem
kleinen gemeinsamen Nenner und
unvermeidliche Konflikte. Entscheidend ist
zudem, dass sich diese Politik nicht lohnt,
wenn man von der Schaffung weiterer
Außenfeinde um der Stärkung der
innenstaatlichen Ordnung willen absieht.
Denn diese Politik richtete bereits die
UdSSR zugrunde und wurde zum tatsächlichen
Grund für die „größte geopolitische
Katastrophe des zwanzigsten Jahrhunderts“.
Es geht um folgendes:
die Logik der „Realpolitik“, die in den
vergangenen Jahrhunderten geboren
wurde, ist auf die Vergangenheit gerichtet.
Gerade aus diesem Grund lohnt sie sich weder
für die Schwachen noch für die Starken. Als
Reagan, Gorbatschow und der sich ihnen
später anschließende Bush der Ältere dies
begriffen, entschlossen sie sich dazu, diese
Logik aufzugeben. Durch gemeinsame
Bemühungen beendeten sie den Kalten Krieg.
Es scheint, dass die neue
Politikergeneration diesen Weg aufs Neue
gehen müsste. Früher sagte man: jede
Generation braucht ihren Krieg. Zum Glück
oder zum Unglück macht die Existenz der
Atombombe einen „großen Krieg“
selbstmörderisch. Es blieben also „kleine
und kalte Kriege“.
Der russische
Präsident Medvedev erklärte dem Westen: „
Wir wollen keinen kalten Krieg, aber wir
haben keine Angst davor“. Schade, denn die
Mission der Staatsoberhäupter besteht nicht
nur darin, die gegenwärtige Welt zu erkennen,
sondern auch darin, über die zukünftige Welt
zu entscheiden, nämlich sie mitzugestalten
und somit Nutzen für das eigene Land
anzustreben. Die Amerikaner haben vor dem
Kalten Krieg kaum mehr Angst als wir
verdienen würden. Betrachtet man aber die
letzten Wahlen, gibt das amerikanische Volk
einer anderen Perspektive den Vorzug. Obwohl
die Staatsoberhäupter, als sie in Washington
vor dem Fotografen posierten, in das
Objektiv gehorsam schauten, waren ihre Köpfe
in Wirklichkeit zum amerikanischen
Präsidenten gerichtet und zwar nicht zum in
der Mitte stehenden Bush, sondern zum
abwesenden Obama. Gerade dessen Wahl zum
Präsidenten zeigte, dass Amerika dazu bereit
ist, ihr seine Beziehungen zur Welt
grundsätzlich zu ändern.
Die russische Antwort auf die
historische Entscheidung der amerikanischen Wähler erwies
sich als asymmetrisch, wie es früher geschehen war. In einer
Situation, in der die USA das Streben nach Veränderungen
zeigen, rechnet Moskau mit der von den Amerikanern
bereits abgelehnten vergangenen Bush-Ära ab. Am Wahltag des
neuen amerikanischen Präsidenten schickte ihm sein
russischer Kollege eine Benachrichtigung über die
Stationierung russischer Raketen in Kaliningrad allein
deswegen zu, um einige Tage später die bei Ronald Reagan
entlehnte „Null-Variante“ des Abtausches vorschlagen zu
können. In einer Zeit, in der das amerikanische Volk durch
die Wahl Obamas eindrucksvoll seine Treue zu den
demokratischen Werten äußerte, ( dies bewies auch die
Weisheit der amerikanischen Staatsgründer, die dem
amerikanischen Volk die Möglichkeit gaben, seinen
Präsidenten alle vier Jahre zu wählen ) verlängert die
regierende russische Elite ihre eigene Regierungsfrist
und höhlt dabei die Verfassung aus.
Als der Konflikt im Kaukasus in
vollem Gange war, rief Barack Obama im Gegensatz zu John
McCain nicht zum Ausschluss Russlands aus der G8 auf.
Allerdings äußerte er sich wohl härter als sein
republikanischer Herausforderer:
„Man kann keinen Anspruch auf die
Rolle einer Großen Macht des 21. Jahrhunderts erheben und
sich gleichzeitig wie in einem Regime des 20. Jahrhunderts
verhalten“. Diese Äußerung zeigt, dass unsere
Spitzenpolitiker es mit dem neuen amerikanischen Präsidenten
nicht leicht haben werden. Bisher warfen sie den Amerikanern
vor, diese hätten nicht begriffen, dass das
postkommunistische Russland nicht die UdSSR sei. Nach dem
Krieg im Kaukasus und der Verfassungsänderung müssen sie
dieses Theorem aufs Neue beweisen. Dabei ist zu
berücksichtigen, dass die USA, die Barack Obama zum
Präsidenten gewählt haben, zweifellos ein anderes Staat ist,
dessen Geschichte von nun an in das „bisher“ und „nachher“
aufgeteilt ist.
Autor – Andrej Gratschöv, Doktor der
Geschichte, Ehemaliger Presse-Sekretär und Berater des
Präsidenten der UdSSR Michail Gorbatschow.
Übersetzer: Alexander Danilow












