Russland verliert die Öldollars

 

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Russland ist in der nähersten Zeit vom gravierenden Rückgang der Ölförderung und möglicherweise vom sinkenden Zufluss der Öldollars bedroht. Wird die Finanzkrise in Betracht gezogen, ist ein derartiges Szenario kaum zu vermeiden, wenn man bedenkt, dass die Möglichkeiten, neue Ölvorkommen zu erschließen, durch die Krise schwerwiegend beschränkt werden. Dies zwingt die Ölunternehmen, ihre Investitionsprogramme zu kürzen.

 

Der Energieminister Sergej Schmatko erklärte gestern, dass die von der Regierung getroffenen Maßnahmen zur Unterstützung der Ölunternehmen die Ölbosse dazu bewegen sollen, auf die anvisierten Korrekturen der Ölförderungspläne zu verzichten. Insbesondere hat die Regierung erheblich den Ausfuhrzoll für die nächsten zwei Monaten gesenkt. 

 

Der stellvertretende Regierungschef Igor Setschin sprach von der Notwendigkeit, den nicht der Besteuerung unterliegenden Mindestbetrag ( auf die Steuer auf die Gewinnung von Bodenschätzen) von 9 $ pro Barrel auf 25 $ pro Barrel zu erhöhen. Das Finanzministerium schlägt dagegen einen Mindestbetrag in Höhe von 15 $ pro Barrel vor. Experten sind übrigens der Auffassung, dass, abgesehen davon, wie über die Frage entschieden wird, die Ölunternehmen ihren Kapitalaufwand verringern würden.

 

Den Worten von Herrn Schmatko zufolge haben einige Öl-Unternehmen bereits mitgeteilt, dass eine neue Bewertung ihrer Investitionen notwendig sei.

Es sei angemerkt, dass der Chef „Lukoil“ Vagit Alekperov am 21. September mitteilte, seine Firma könne ihr Investitionsprogramm spürbar reduzieren, da sie bei der Kostenberechnung von einem Ölpreis in Höhe von 105 $ pro Barrel und nicht von 90 $ pro Barrel ausgegangen sei.  

 

Die anderen Ölfirmen waren unterdessen nicht so offen. Der offizielle Vertreter des Erdölförderungsunternehmens „Rosneft“ Nikolaj Manvelov äußerte gestern gegenüber der Zeitung „Novaja Gaseta“, dass eine Entscheidung über die Korrektur der Investitionspläne von der Versammlung des Vorstands getroffen werde. 

„ Es hat bisher  keine Vorstandsversammlung gegeben, bei der diese Frage auf der Tagesordnung stand und ich verfüge über keine Informationen, dass eine stattfindet “ erklärte Manvelov.

Nach Worten des Pressesprechers der Firma „TNK-BP“ Vladimir Bobilev wird die Entscheidung bezüglich des Investitionsprogramms vom Vorstandsrat des Dachunternehmens gefällt. Bisher beläuft sich das geplante Investitionsvolumen für das Jahr 2009 auf 3,5 – 4 Mrd. $.

 

Inzwischen macht sich der Rückgang der Ölförderung im Land bereits bemerkbar. Nach Angaben von „ Rosstat“ ( Russisches Statistisches Amt ) wurden von Januar bis August 325 Mio. Tonn. gefördert. Dies ist 0,7 % weniger als im gleichen Zeitraum des letzten Jahres. Um der negativen Tendenz entgegenzuwirken hat der Staat den Ausfuhrzoll für Öl und Ölprodukte gesenkt: dieser beträgt ab 1. Oktober 372,2 für Rohöl und 263,1 $ pro Tonne für Ölprodukte. Berechnet wurde der Ausfuhrzoll nach einer neuen Methode, die es ermöglichte, ihn wesentlich zu senken. Die Berechnung erfolgte aufgrund einer zweiwöchigen Datenerhebung und nicht aufgrund des bisher üblichen zweimonatlichen Monitoring der Weltmarktpreise. Dies wird den Ölfirmen die Möglichkeit geben, kräftig zu sparen, wenn die fallende Preisdynamik für Ölprodukte berücksichtigt wird.

„ Wenn das Öl Mitte Juli für 120 $ pro Barrel verkauft werden konnte, senkte sich der Ölpreis im September fast auf 85 $ pro Barrel “ - bemerkt Svetlana Savschenko  Direktorin der Abteilung für Investitionsplanung der Firma „2K Audit – Bussinnesconsulting“.

„ Wäre der Zollsatz nach der alten Methode berechnet worden, hätten fast 486 $ pro Barrel bezahlt werden müssen. Sollen sich die derzeitigen Preise nicht ändern, ermöglicht der verringerte Satz den Ölfirmen ihre Ausfuhreinnahmen etwa um 45 % zu erhöhen“

 

Die Experten vertreten allerdings die Auffassung, dass selbst diese Maßnahmen die Ölbosse nicht davon abhalten werden, ihre Investitionen zu verringern.

„ Tatsächlich befassen sich fast alle großen Ölfirmen zurzeit auf eine oder andere Weise mit dem Korrigieren ihrer Investitionspläne “erläutert Michail Sanosin, Analytiker der Finanzgesellschaft „ Uralsib“. „ Die Weltmarktpreise fallen, gleichzeitig ist es zurzeit schwieriger und teuerer, Kredite zu erhalten. Deswegen kann das aus dem gesunkenen Ausfuhrzoll Gesparte etwa 5 – 5,5 Mrd. $ nicht alle Kosten abdecken “

Im Übrigen betont der Experte, handelt es sich um die Pläne für das Jahr 2009 und für die nachfolgenden Jahre, denn die geplanten Investitionen in Produktionsentwicklung und Ölförderung werden im laufenden Jahr höchstwahrscheinlich eingehalten.

- „ Unseren Berechnungen nach betragen die von „ Lukoil“ betätigten Investitionen in diesem Jahr 12 – 13 Mrd. $, „Rosneft“ investiert 8 – 9 Mrd. $, so viel wie im nächsten Jahr“, betont Herr Sanosin. „ In diesem Jahr beläuft sich die Verschuldung von „ Rosneft“ auf etwa 20 Mrd. $ und im nächsten Jahr wird diese auf 18,5 Mrd. § sinken. 

Bis zum zweiten Quartal 2009 stehen jedoch dem Unternehmen zwei Tilgungen bevor, eine in Höhe von 800 Mio. Dollar und eine andere in Höhe von 2,35 Mrd. $. Nach unserer Berechnung beträgt die Verschuldung von „Lukoil“ im Jahr 2009 -  9,2 Mrd. $, was für das Unternehmen nicht besonders kritisch ist“.     

 

Nach Auffassung von Sanosin wäre die gestern von Setschin erwähnte Erhöhung des Steuerfreibetrags ( St.a.G.v.B ) auf 25 Dollar pro Barrel für die Ölunternehmen viel nützlicher als die Senkung des Ausfuhrzolls. „ In diesem Fall würde das Effekt etwa 13 Mrd. $ im Jahr betragen“, rechnete Herr Sanosin vor. Der Fiskus erhält bei den geltenden Steuersätzen ungefähr 80 – 90 % des Gewinns vom Verkauf des Rohöls. Würde der Freibetrag auf 25 $ erhöht, gäbe dies den Ölfirmen Möglichkeiten, weniger rentable Ölvorkommen zu erschließen“

 

Die Experten sind der Auffassung, dass die Ölforderung in diesem Jahr im Vergleich zum letzen Jahr um 2 % zurückgehen kann. In der Zukunft kann sie aber sogar steigen. „Dies stellt keinen Widerspruch dar „ erläuterte Herr Sanosin. Abgesehen davon, dass die Ölunternehmen ihre Investitionen in die zukünftigen Projekte wahrscheinlich verringern werden, werden die Folgen dieses Vorgehens erst nach 2010 und 2011 eintreten. Während dessen wird die Ölförderung dank der neu erschlossenen Ölvorkommen wie „Jusnaja Chiltschuja“ von „Lukoil“ und „Vankor“ von „Rosneft“ steigen.    

 

 

Quelle: Die Zeitung „ Novaja Gaseta“ (Neue Zeitung)

Veröffentlicht am 26.09.2008

 

Übersetzer:

Alexander Danilow