Europa-IntegrationUnvollendete Integration


 Das Projekt „Europa“ war erfolgreich, es entstanden aber viele neue Probleme

 Quelle: Internetjournal „Novaja politika“ ( Neue Politik )

 Gekürzte Version
 14. Mai 2009



Das größte politische Projekt der Nachkriegszeit ist der europäische Einigungsprozess. In dem Kontinent, in dem zwei Weltkriege ausgebrochen waren und auf seinem Territorium geführt wurden, die zu katastrophalen Folgen führten und unzählige Opfer verursachten, entschloss man sich dazu, dass Meinungsverschiedenheiten und Streitigkeiten ein für allemal der Vergangenheit angehören sollten. Heute sind es bereits mehr als sechzig Jahre, dass der Zweite Weltkrieg beendet wurde und man kann sagen, dass das Projekt „Europa“ insgesamt gesehen erfolgreich ist.

 

Die Europäische Union stellt hinsichtlich der Lebensumstände die weltweit attraktivste Region dar, gekennzeichnet durch die stärkste Wirtschaft, das höchste Absicherungsniveau der Menschenrechte und Freiheiten und hohen Wohlstand.

Von den 500 weltweit größten Unternehmen haben 170 ihren Sitz in Europa. Der Euro steht in einer Reihe mit den stärksten Währungen der Welt und wird als Alternative zum Dollar angesehen. Der Präsident der Europäischen Kommission findet im Kreis der Spitzenpolitiker aus der ganzen Welt Anerkennung. Der Weg zu den genannten Errungenschaften war aber lang und schwierig und kann keinesfalls für beendet erklärt werden. Darüber hinaus stellen sich gerade heute den Mitgliedern der EU und denjenigen, die sich der Organisation anschließen möchten, neue komplexe Aufgaben.

 

Eine Erläuterung der Probleme dieses noch wackelig stehenden Giganten bedarf eines Exkurses in seine Geschichte und einer Erklärung seiner komplexen Struktur.      

 

Der Anfang wurde im Jahre 1951 mit der Gründung der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl gemacht, der sich sechs Länder unter anderen die BRD, Frankreich und Italien anschlossen. Es wurde ein gemeinsamer Markt für die in der Bezeichnung genannten Produktionen geschaffen. Die Initiatoren der Gründung waren die französischen Politiker Robert Schuman und Jan Mohne.

Bemerkenswert ist, dass ungefähr zur diesen Zeit der Plan der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft in Frankreich scheiterte. Auf diese Weise vollzog sich der Einigungsprozess Europas nur im wirtschaftlichen Bereich, kein Land wollte auf einen Teil seiner staatlichen Souveränität verzichten und sich durch Beitritt zu einer politischen Gemeinschaft besonders verpflichten. Die Integration setzte sich nur in kleinen Schritten fort und stieß immer wieder auf von den Gründern nicht vorhergesehene Hindernisse. Die Franzosen misstrauten den Deutschen, die kontinentalen Europäer insgesamt den Engländern, die Schweizer und die Norwegen der Idee der Europäischen Union generell. 

 

Im Jahr 1957 wurden die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft, sowie das gemeinsame Zollgebiet und die Europäische Atomgemeinschaft gebildet. Die EAG bestand aus den gleichen Mitgliedern und übernahm die spezifische Aufgabe, den Atomenergiebereich gemeinsam zu entwickeln. Der EWG traten England, die Skandinavische Länder, die Schweiz und Österreich nicht bei. Diese Länder bildeten als Gegengewicht die Europäische Gemeinschaft für den freien Handel. Zwischen beiden Blöcken entfaltete sich Konkurrenz, die durch die beharrliche Position von Paris geschürt wurde, London nicht unter den Mitgliedern der EWG sehen zu wollen. Allmählich konnten die Meinungsverschiedenheiten überwunden werden und England wurde in die EWG aufgenommen. Dies war der Grund für das Auseinandergehen der EGFH, deren Mitglieder außer der Schweiz, Island und Norwegen einer nach dem anderen der EWG beitraten.

 

Ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur europäischen Integration war im Jahre 1979 die direkte Wahl von Abgeordneten in das Europäische Parlament, das danach zu einer selbstbewussten und einflussreichen politischen Organisation wurde. Auf der gleichen Ebene mit dem Europarlament liegt als Organ der Exekutive die Eurokommission, deren Befugnisse und Möglichkeiten kurz nach ihrer Gründung sehr beschränkt waren. Der nächste bedeutende Schritt war im Jahre 1985 die Unterzeichung des Schengener Abkommens, das die Kontrolle des Personenverkehrs innerhalb der EWG aufgehoben hat.

 

Letztlich wurde die EU 1992 in der Gestaltung, in der wir sie heute sehen, mit dem Abschluss des Vertrages von Maasstrich gegründet, der am 1. November 1993 in Kraft trat. Gemäß des Vertrages wurde ab 2002 eine einheitliche Währung – der Euro eingeführt und die Europäische Zentralbank gegründet. Sehr wichtig war auch, dass die EWG in die EU unbenannt wurde.

 

Ein bedeutendes Ereignis stellte im Jahre 1989 die Öffnung des „Eisernen Vorhanges“ und das Ende der Teilung Europas in zwei Blöcken dar. Bereits im Jahre 1990 wurde die Deutsche Demokratische Republik durch den Beitritt zur BRD Teil des geeinten Europas. Ab Mitte der 90-er Jahre steht die Erweiterung der EU auf der Tagesordnung. Speziell für die neuen Mietgliedsstaaten wurden die Kopenhagener Beitrittskriterien ausgearbeitet, deren Erfüllung für die Aufnahme in die EU notwendig ist. Es sei daran zu erinnern, dass das Ende des Kalten Krieges den Beitritt denjenigen Ländern ermöglichte, die früher die Politik der Neutralität bevorzugt hatten ( Schweden und Österreich ) oder die in ihrer Souveränität beschränkt gewesen waren ( Finnland ). Diese Staaten traten 1995 der EU bei und im Jahre 2004 folgten ihnen zehn weitere Länder. 2007 wurden auch Rumänien und Bulgarien in die EU aufgenommen.

 

Parallel zur Erweiterung verzeichnete die EU auch Misserfolge. Bis heute hat sie keine Verfassung oder Charta bzw. kein grundlegendes Dokument. Die Verfassung, die im Jahre 2004 unter der Leitung des ehemaligen französischen Präsidenten Valery Giscard d Estaing ausgearbeitet worden war, wurde 2005 in den Referenden in Frankreich und den Niederlanden abgelehnt. Dies war ein schwerer Schlag für die EU, die eine zweijährige Pause für die Analyse der entstandenen Situation einlegte. Ende 2007 wurde statt der gescheiterten Verfassung der Vertrag von Lissabon ausgearbeitet. Es war geplant, dass dieser noch vor den europäischen Wahlen im Juni 2009 in Kraft tritt. Allerdings ergab sich etwas anderes. Obwohl der Vertrag nicht einem Referendum unterzogen werden musste und lediglich vom Parlament hätte ratifiziert werden können, war Irland aufgrund seiner Verfassung verpflichtet, ein Referendum durchzuführen, bei dem die Mehrheit der Wähler „Nein“ sagte. Außerdem behandelte eine Reihe von Ländern den Vertrag noch nicht in ihren Parlamenten. Daher konnte die Frist des In-Kraft-Tretens nicht eingehalten werden und die Zukunft des Vertrages bleibt überaus neblig.

 

Eine komplizierte Struktur der Abstimmung in der EU macht den Prozess der Entscheidungsfindung sehr schwierig. Sogar ein so kleines Land wie Irland ist in der Lage, die Ratifizierung eines wichtigen Vertrages scheitern zu lassen. Dabei forderten große Parteien und öffentliche Organisationen des Landes auf, für die Ratifizierung zu stimmen. Auf diese Weise wurde das Schicksal Europas von der Meinung einer kleinen Bevölkerungsgruppe abhängig gemacht, die ausschließlich aus Starrsinn  gegen den Vertrag stimmte. Dies ist ein anschauliches Beispiel dafür, dass die EU ihre Schwachstellen hat.    

 

Der mangelnde Wille, dem Kompetenzausbau der EU „grünes Licht“ zu erteilen, gründet nicht nur in der Furcht der Wähler davor, die Souveränität zu verlieren und in die Hände der Bürokraten aus Brüssel zu geraten, sondern auch darin, dass die Wähler die vorgelegten Dokumente nicht nachvollziehen können. Tatsächlich sind sowohl die Verfassung Europas als auch der Vertrag von Lissabon Folianten, deren Inhalte für viele nicht nachvollziehbar sind. Der durchschnittliche Bürger ist nicht in der Lage, sich durch die unverständlichen Artikel und Absätze zu zwängen.   

 

 

 

Übersetzer

Alexander Danilow